Medizin ist männlich: Der Kampf gegen den Gender Bias in der Forschung

Über Jahrzehnte war der männliche Körper der Goldstandard der Forschung. Die Folgen für Patientinnen sind oft lebensgefährlich. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen und gezielte Förderrichtlinien sollen nun die Datenlücken schließen.

Ein Stechen in der Brust. Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen. Symptome, die selbst bei medizinischen Laien sofort Alarm auslösen: Verdacht auf Herzinfarkt. Diese klassischen Anzeichen sind so bekannt, dass Ärztinnen und Ärzte in der Regel umgehend reagieren und lebensrettende Maßnahmen einleiten können.

Schmerzen im Oberbauch. Übelkeit und Erbrechen. Vielleicht etwas Verdorbenes gegessen? So lautet nicht selten die Einschätzung in der Notaufnahme und die Patientin wird nach Hause geschickt. Die Folge: wertvolle, lebensrettende Zeit verstreicht.

Dass es sich in beiden Fällen um denselben Notfall handeln kann, wissen die wenigsten. Selbst medizinische Fachkräfte stoßen hier noch häufig an ihre Grenzen und interpretieren diese Symptome nicht korrekt. Der einzige Unterschied der beiden Szenarien: Die Symptome im zweiten Szenario stammen von einer Frau. 

Die tödliche Wissenslücke

Der Herzinfarkt gilt als eines der bekanntesten Beispiele dafür, dass sich Symptome von Erkrankungen bei Frauen und Männer unterscheiden können. Genau diese Unterschiede führen jedoch dazu, dass die richtige Diagnose bei Frauen häufig verzögert gestellt wird, in manchen Fällen sogar zu spät. Der deutsche Herzbericht 2024 macht diesen Unterschied deutlich: Zwar erkranken Männer häufiger an einem Herzinfarkt, doch für Frauen sind die Folgen oft gravierender. Prof. Stephan Baldus, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK) bringt es auf den Punkt: „Setzt man diese Zahlen für die Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit zueinander ins Verhältnis, lässt sich feststellen, dass Männer zwar öfter als Frauen Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen. Dafür verlaufen diese bei Frauen häufiger tödlich“. 

Herzinfarkte sind dabei kein Einzelfall. Über Jahrzehnte hinweg wurden Frauen in der medizinischen Forschung systematisch vernachlässigt. In vielen Fachgebieten waren weibliche Patientinnen in klinischen Studien nur unzureichend vertreten oder sogar vollständig ausgeschlossen. Die Folgen sind weiterhin spürbar: Viele Medikamente wurden überwiegend an Männern getestet, sodass Nebenwirkungen bei Frauen deutlich häufiger auftreten. Trotz erster Verbesserungen in den vergangenen Jahren bleiben Frauen bei zahlreichen zentralen Krankheitsbildern, darunter auch verschiedene Krebsarten, weiterhin unterrepräsentiert. 

Die Konsequenz ist gravierend: Zwischen medizinischem Wissen über Männer und Frauen hat sich eine tiefe Lücke aufgetan. In der Forschung spricht man vom sogenannten Gender Data Gap.

Der Kurswechsel: Geld und Daten für die Forschung

Die Daten zeigen, dass es sich nicht um vereinzelte Fehlentwicklungen handelt, sondern um ein strukturelles Problem der medizinischen Forschung. Genau an dieser Stelle setzt nun ein Kurswechsel an. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat mit einer neuen Richtlinie den Kampf gegen die Datenlücke angesagt. Ziel ist es, geschlechtersensible Aspekte endlich im Kern der klinischen Forschung zu verankern. 

Gefördert werden unter anderem Übersichtsarbeiten, die vorhandene Daten zur geschlechtersensiblen Therapie verschiedener Erkrankungen auswerten. Auch sogenannte Post-hoc-Analysen werden unterstützt: Dabei prüfen Forschende bestehende Studienergebnisse im Nachhinein, um zusätzliche Muster im Hinblick auf geschlechterspezifische Effekte der Therapien zu erkennen. Entsprechende Anträge können noch bis zum 10.03.2026 eingereicht werden.

Flankiert wird die neue Richtlinie durch das kürzlich in Kraft getretene Medizinregistergesetz. Es dient als notwendige digitale Grundlage: Das Gesetz verpflichtet Kliniken dazu, Patientendaten zentral zusammenzuführen und konsequent nach Geschlecht getrennt zu erfassen. Damit stellt der Gesetzgeber sicher, dass Forschende künftig nicht mehr mühsam nach Puzzleteilen suchen müssen, sondern Zugriff auf Datenmengen haben, die Unterschiede erst sichtbar machen.

Biologie ist keine Einheitsgröße

Doch wieso galt der Frauenkörper so lange als „blinder Fleck“? Lange Zeit sollten Frauen vor potenziellen Risiken in ihren gebärfähigen Jahren geschützt werden; ihre Gesundheit wurde oft rein unter reproduktiven Gesichtspunkten betrachtet. Zudem herrschte die Sorge, hormonelle Schwankungen würden Studien teurer und komplizierter machen.

Frauen galten also schlicht als „zu anders“ und „zu variabel“. Dabei ist genau diese Variabilität der Schlüssel zur richtigen Behandlung. Neben Gewicht und Körpergröße spielen der Fettanteil, Organfunktionen und der Hormonzyklus eine entscheidende Rolle für die Wirkung von Arzneien. Bei Medikamenten gilt eben nicht: One size fits all.

Auf dem Weg zur menschlichen Medizin

Diese Daten belegen: Die Medizin der Zukunft ist keine Einheitsgröße, sie ist Maßarbeit. Dass Frauen in der Forschung endlich eine gleichberechtigte Hauptrolle einnehmen, ist keine Frage der Höflichkeit, sondern eine biologische Notwendigkeit. Es wird Zeit, die Datenlücke zu schließen und aus einer rein männlichen Medizin endlich eine menschliche Medizin für alle zu machen. Mit der neuen Richtlinie des BMFTR ist der Startschuss für diesen Wandel gefallen.

Quellen & Hintergrund: 

  • Politik: BMFTR-Richtlinie (12/2025) & Medizinregistergesetz (2026).
  • Medizin: Deutscher Herzbericht 2024 (DGK/Herzstiftung), G-BA Innovationsfonds (Projekt HeartGap).
  • Studien: Zucker & Prendergast, Biol. Sex Differ. 11, 32 (2020); BMC Womens Health 15, 94 (2015); Karpel et al., Cancer 131, e35769 (2025).

Stand: 12.02.2026

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